Presseerklärung
Presseerklärung:Belgiens (Marathon-) Schlachtfelder
Von Wolfgang LöscherDen wohl schönsten Marathon in Belgien hatte ich bereits vor einigen Jahren gelaufen, den Guldensporen-Marathon von Kortrijk nach Brügge und dem Ziel auf dem prächtigen Marktplatz, mit dem man an eine siegreiche Schlacht der Flamen gegen eine französische Reiterarmee Anfang des 14. Jh. erinnern wollte.
Nun fand unweit dieser Region ein weiterer interessanter „Schlachtfeldmarathon" mit Teilnehmern aus der ganzen Welt statt, ein weitgehend unbekannter Lauf im nordwestlichen Zipfel von Belgien, der 5. Flanders Fields Marathon in Ypres/Ieper.
Von wundervollen Erfahrungen war im Internet zu lesen, von einer familiären Atmosphäre und von unbeschreiblich freundlichen Menschen (den Flamen), wie man sie bisher noch nicht kennen gelernt hatte. Da schrieb
man von herzlicher Begrüßung, obwohl man sich doch eigentlich noch völlig fremd sei, und von einer perfekten Organisation, die keine Wünsche offen ließ. Andere schwärmten von Radfahrern, die die Läufer begleiteten und sie während der gesamten Zeit mit Getränken und Früchten versorgten hätten. Das habe man noch nie erlebt! Auch ich kann mir einen derartigen Service nirgends anders, als im Land der Radfahrer, Belgien, vorstellen. Und alle schrieben von neuen Freunden und dass sie gern wiederkommen wollten. Ein 79-jähriger Kanadier schrieb, dass er hier im 2. Weltkrieg abgeschossen worden war und für zwei Jahre in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten sei. Mit seiner Teilnahme an diesem Marathon im Vorjahr wollte der Kriegsveteran auch seinem Vater und dessen beiden Brüdern gedenken, die im 1. Weltkrieg in dieser Region verwundet wurden und bald gestorben sind. Nachdem dieser George Mc Kiel seit Jahren auch für die kanadische Arthritis Society tätig ist, reiste er in diesem Jahr mit einer 300 Mann starken Gruppe dieser gemeinnützigen Gesellschaft an, von denen etwa 200 am Marathon teilnahmen. Damit stieg die Teilnehmerzahl des Flandern Fields Marathon von 440 auf stattliche 778 bei seiner erst 5. Auflage an. Sieger wurde der bereits der M45 angehörende Belgier Lucien Taelmann in 2:34:18 h und beste Frau war Marijke Guillemyn in 3:02:42 h. Bester Deutscher war Heinrich van Nahmen in 3:14:14 h auf Rang 80 und 5. der M50. Er fügte seiner Sammlung von Läufen von A-Z hier das Ypsilon hinzu.
Organisiert wird der Marathon von einem kleinen ehrenamtlichen Team um André Mingneau, der in seiner Freizeit einige hoffnungsvolle Nachwuchsathleten betreut. Weil genau auf seinen Trainingsstrecken, entlang der Flüsse Ijzer und Ieperlee im 1. Weltkrieg von 1914 -18 die Frontlinie verlaufen war und auch heute noch vieles an die Schlachten der beiden Weltkriege erinnert, hat er diesen Hintergrund für einen Marathon gewählt. Mit 400 freiwilligen Helfern gelang es dem agilen Belgier, die Laufszene mit einer von quasi allen Seiten als perfekt gelobten Veranstaltung zu bereichern, bei der es tatsächlich nicht nur ums Laufen allein geht. Welch tiefe Gefühle einen hier bewegen können, brachte vor dem Lauf in einem angeregtem Gespräch der 60-jährige Dolmetscher Manfred Virgils, ein seit 1985 in Belgien wohnender Deutscher zum Ausdruck: "Wenn ich jetzt hier laufe, an den Bunkern vorbei, die noch immer hier stehen, dann denke ich immer wieder an all die Millionen Menschen, die im 1. und 2. Weltkrieg hier gefallen sind. Dann habe ich echt ein Schuldgefühl als Deutscher. Dann wünsche ich mir, die Toten könnten auferstehen, und ich möchte jedem die Hand reichen und ihn um Entschuldigung bitten, für das, was meine Väter hier angerichtet haben. Ich wünsche mir, dass mehr Deutsche den Mut finden und die Möglichkeit dieses Marathons nutzen, sich mit dieser dunklen Seite der deutschen Geschichte auseinander zu setzen." Anschließend lief er den Marathon zum vierten Mal, diesmal in 4:20:15 h.
Der Start erfolgt in einem kleinen Dorf nahe Nieuwpoort, im äußersten Nordwesten Belgiens. Zu erreichen über die Autobahn E 40, Ausfahrt 3 und nach etwa 300 m links abbiegen nach Ramskapelle, wo Punkt 10 Uhr mit dem Glockenschlag der "Ramskapelle" die Läufer verabschiedet werden. Der Marathon folgt dem Fluss Ijzer bis Diksmuide und weiter auf flachem, aber windanfälligem Kurs zur historischen Stadt Ieper-Ypres (Ieper ist die neuere Schreibweise). Ab km 25 spenden Bäume zubeiden Seiten des Weges ein wenig Schatten. Als Zuschauer an der Strecke findet man mehr Kühe als Menschen. Und das riecht man auch ab und an prägnant, ebenso, wie hin und wieder ein stehendes Gewässer. Dafür ist dieser Kurs aber absolut verkehrsfrei. Bei km 40 passiert man die Stelle, an der im 1. Weltkrieg erstmals chemische Kampfstoffe eingesetzt wurden. Auf den letzten Kilometern passiert man auf uraltem Kopfsteinpflaster das Museum für die Gefallenen des 1. Weltkrieges, bevor man auf dem großzügigem Marktplatz vor dem prächtigen Rathaus unter dem Jubel zahlreicher Besucher ins Ziel einläuft. Dort gab es neben TShirt und Medaille in einer Tombola für fast alle Teilnehmer noch ein typisch belgisches Souvenir in Form von dem berühmten Bier oder der nicht weniger berühmten Schokolade. Für 5 E erhält man hier ein spezielles TShirt und kann auf dem Fahrrad seine marathonlaufenden Freunde während des Laufes ganz individuell betreuen. Getränkestellen alle 5 km gab es zwar auch; weil aber die meisten ihre eigenen "mobilen Verpflegungsstationen" dabei hatten, waren diese eher spärlich bestückt. Das Zeitlimit von 5 Stunden wird nicht besonders ernst genommen, für kanadische Kriegsveteranen wurde es sogar auf 8 Stunden aufgeweicht. Für Wiederholungstäter verringert sich das Startgeld von 20 E bei der nächsten Teilnahme auf 13 E. Eine Pastaparty oder gar Fitness-Expo gab es nicht. Eine solche gab es nur für die kanadische Gruppe, die für ihr Training Team "Joints in Motion" alles minutiös vorbereitet hatte. Von einer detaillierten Streckenbeschreibung per Dia-Show über vielfältigste Tipps bis hin zu einem regelrecheten Einschwören auf den Lauf wurde da nichts dem Zufall überlassen. Zum Schluss brachte es der 79-jährige George Mc Kiel aus Kanada noch einmal auf den Punkt: "Während des 1. Weltkrieges befand sich hier eines der schlimmsten Schlachtfelder, weil der Sieg wichtiger war, als das Überleben der Menschen. Beim heutigen Flandern Fields Marathon kommt es nicht auf den Sieg an. Entscheidend ist nur die Teilnahme und das gute Überleben der Strecke! Wenn der Flandern Fields Marathon ein wenig dazu beitragen konnte, die Augen der Menschen wachsam zu halten gegen sinnlose Gewalt und Terror auf dieser Erde, dann hat er sein wichtigstes Ziel erreicht!
Gedenkläufe Beim "Gulden Sporen Marathon" bezieht man sich auf die goldenen Sporen französischer Reiter, die in der Region südlich Brüssel im Jahre 1302 mit ihren Pferden in einer Schlacht gegen das flamische Fußvolk im Morast versunken waren und dort noch lange begraben blieben. Am 6. Juni 2003 erlebte die beliebte Veranstaltung zwischen Kortrijk nach Brügge mit 631 Marathonund 503 Zehn-Meilen-Läufern ihre 17. Auflage. Am 14. September fand unweit dieser Region in Gedenken an Schlachten im 1. und 2. Weltkrieg die fünfte Auflage des Flanders Fields Marathon von Nieuwpoort nach Ieper statt. Infos über
http://www.sport.be/topsportvlaanderen
oder André Mingneau,
Tel. 0032-51503 129,
email: amos@marathons.be
Geschichtlich: Am 22. April 1915 breitete sich eine grünlich-gelbe Wolke Chlorgas, vorangetrieben durch einen leichten Nordostwind auf 7 km über die alliierten Truppen nahe Ypres aus. Ohne Gasmasken starben die meisten Franzosen und Algerier sofort. Eine breite Schneise öffnete sich den deutschen Truppen und die 1. Kanadische Division versuchte gemeinsam mit britischen Truppen den deutschen Vormarsch aufzuhalten, was ihnen trotz Verlust von über 6.000 Leuten in einem einwöchigem wilden Kampf auch gelang. Die Schlacht von Ypres ging als erster Giftgas-Angriff des 1. Weltkrieges in die Geschichte ein.
